Wir alle kennen das Gefühl: Man nimmt sich vor, mehr zu lesen, doch der Alltag mit Netflix und TikTok gewinnt. Dabei hat ein einziges, wirklich fesselndes Buch die Kraft, uns komplett neu zu erden und die eigene Perspektive auf das Leben zu verschieben. Es ist ein Erlebnis, das keine App ersetzen kann.
Ich habe mir die Longlist der sogenannten „Must-Reads“ von Thalia, einem der größten Buchhändler Österreichs und Deutschlands, genauer angesehen. Es geht um jene zehn Titel, die uns angeblich prägen sollen. Das wirklich Schockierende daran: Selbst ich, als passionierter Leser, habe nicht alle davon in meiner Sammlung.
Hier präsentiere ich Ihnen die Liste – von philosophischen Märchen bis zur politischen Autobiografie. Überprüfen Sie gleich, ob Sie wirklich alle diese Bücher schon gelesen haben.
Drei, die uns das Staunen lehren: Fantasie, Poesie und die Suche
Wir starten mit den Titeln, die uns in neue Welten entführen oder uns sehr leise und tief berühren.
- Die unendliche Geschichte von Michael Ende: Dieses Fantasy-Epos ist weit mehr als nur ein Abenteuer für Kinder. Es ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Macht der Vorstellungskraft und der eigenen Identität. Wir lernen, dass das Buch nicht nur liest, sondern auch gelesen wird.
- Der Gott der kleinen Dinge von Arundhati Roy: Ein poetischer Roman angesiedelt im südindischen Kerala. Mit roher, sprachlicher Kraft beleuchtet dieser Bestseller familiäre Tabus und verbotene Liebe. Ich habe selten einen Roman gelesen, der mit so leiser Eleganz eine solche emotionale Wucht entfaltet.
- Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry: Kaum ein Buch hat so viele Zitate hervorgebracht. „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Dieses philosophische Märchen erinnert uns auf wenigen Seiten daran, was im Leben wirklich zählt: Liebe und Freundschaft.

Die schmerzhaften Meisterwerke: Geschichte, Trauma und Freundschaft
Manchmal muss Literatur wehtun, um wirklich zu wirken. Diese Bücher sind keine leichte Kost, aber absolut notwendig.
„Ein wenig Leben“: Ein Buch, das Sie tagelang verfolgt
Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“ ist wahrscheinlich der emotional forderndste Titel der Liste. Es ist die ungeschönte Geschichte von vier Freunden in New York, die sich auf das Leben des traumatisierten und hochbegabten Jude fokussiert. Dieses Buch ist ein Porträt von Schmerz, aber auch der bedingungslosen Kraft der Freundschaft.
Persönlicher Tipp: Planen Sie nach der Lektüre ein paar Tage der Entspannung ein. Es hallt länger nach, als Sie erwarten.
- Das Tagebuch der Anne Frank: Unverzichtbare Weltgeschichte. Die Aufzeichnungen eines jungen Mädchens, das trotz des Schreckens des Zweiten Weltkriegs Hoffnung, Träume und Menschlichkeit bewahrte. Angesichts der aktuellen politischen Lage ist dieses Buch relevanter denn je.
- In die Wildnis von Jon Krakauer: Die wahre Geschichte von Christopher McCandless, der sein komfortables Leben hinter sich ließ, um in der Wildnis Alaskas Freiheit zu suchen. Ein spannender Abenteuerroman und eine intensive Reflexion über die radikale Selbstfindung.
Pflichtlektüre: Von der Gesellschaftskritik bis zur Freiheit
Diese drei Klassiker definieren, was es heißt, Mensch zu sein, gegen Vorurteile zu kämpfen und die Freiheit des Geistes zu verteidigen.
- Stolz und Vorurteil von Jane Austen: Eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt. Aber Achtung, es ist mehr! Austen seziert mit scharfem Witz die gesellschaftlichen Zwänge des 19. Jahrhunderts. Die feine Ironie in Austens Original entgeht oft jedem Film.
- Der lange Weg zur Freiheit von Nelson Mandela: Eine politische Autobiografie, die den Geist stärkt. Mandelas Zeugnis über 27 Jahre Haft und sein kompromissloser Kampf für Gleichberechtigung in Südafrika lehrt uns Lektionen über Ausdauer und Versöhnung.
Die Dystopie, die aktueller nicht sein könnte
Fahrenheit 451 von Ray Bradbury: In Bradburys dystopischem Klassiker werden Bücher verboten und von „Feuerwehrmännern“ verbrannt. Der Roman ist ein leidenschaftliches und beängstigend aktuelles Plädoyer für Literatur, Bildung und Meinungsfreiheit. Er erinnert uns daran, wie schnell eine Gesellschaft ihr kollektives Gedächtnis verlieren kann.

Der ewige Klassiker: Das Mahnmal gegen Vorurteile
Wer die Nachtigall stört … von Harper Lee: Angesiedelt in den Südstaaten der 1930er Jahre, erzählt Lee aus der Perspektive der jungen Scout Finch eine Geschichte über Rassismus, Gerechtigkeit und Moral. Es ist ein kraftvolles literarisches Mahnmal gegen Vorurteile, das uns leider auch heute noch vor Augen führt, wie gespalten unsere Gesellschaft in vielen Bereichen bleibt. Dieses Buch gehört in jede österreichische Schule.
Ihr Praxis-Tipp für den Lesestart
Sie haben festgestellt, dass Ihnen noch zwei oder drei Titel fehlen? Kaufen Sie nicht alle auf einmal. Viele Leser im deutschsprachigen Raum machen den Fehler, sich im Herbst Stapel von Büchern zu Gemüte zu führen, um dann nach den ersten 50 Seiten zu verzweifeln.
Der Lifehack: Nehmen Sie sich immer nur ein Buch vor. Starten Sie mit dem schmalsten (z. B. „Der kleine Prinz“). Dieses schnelle Erfolgserlebnis motiviert Ihr Gehirn, die „Lese-Routine“ als belohnend statt anstrengend abzuspeichern. Gönnen Sie sich danach einen starken emotionalen Kontrast (z. B. „Ein wenig Leben“).
Welches dieser Bücher hat Sie am meisten geprägt und warum? Verraten Sie es uns in den Kommentaren!

