Deshalb verweigern Wirte in Wien bewusst das Trinkgeld – und das Netz tobt

Deshalb verweigern Wirte in Wien bewusst das Trinkgeld – und das Netz tobt

Die Rechnung kommt, die Summe ist hoch, und jetzt kommt der Moment der Wahrheit: Trinkgeld. Normalerweise eine Formsache, besonders in Österreich, wo die „5 bis 10 Prozent“-Regel fast ungeschrieben ist. Aber was passiert, wenn ein Gast bei einer 100-Euro-Rechnung für vier Personen kategorisch kein Trinkgeld gibt? Genau das passierte, und die Debatte explodierte, als die Begründung veröffentlicht wurde.

Ich habe mir die Diskussion auf Social Media angesehen und eines schnell bemerkt: Hier geht es nicht um Geiz. Es geht um eine tief sitzende Frustration über die steigenden Preise. Aber die Art und Weise, wie dieser Gast in Wien seinen Unmut äußerte, hat die Kellner und die gesamte Community zutiefst beleidigt. Warum das so ist und welche fatalen Fehler dabei gemacht wurden, erfahren Sie jetzt.

Die verblüffende Logik: „Sorry, mein Trinkgeld ist schon im Preis drin“

Der Auslöser war der Post eines 30-jährigen, der schilderte, wie er regelmäßig für rund 100 Euro auswärts isst. Er betonte, er sei kein Geringverdiener, könne locker 20 Euro geben, aber er spart es sich. Der Grund? Das Essen sei „unbezahlbar“, und somit sei die Wertschätzung für den Service bereits in den gestiegenen Menüpreisen enthalten.

Was auf den ersten Blick wie eine berechtigte Preiskritik klingt, gerät bei näherer Betrachtung ins Wanken. Viele, die solche hohen Rechnungen in der Wiener Innenstadt oder in einem guten Lokal in der Steiermark kennen, übersehen oft, wofür sie zahlen:

  • Die Miete und Fixkosten: Diese sind in Ballungszentren exorbitant und stecken im Hauptgericht.

  • Die Küchenarbeit: Der Koch, der Sous-Chef – ihre Bezahlung ist ebenfalls im Preis inkludiert.

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  • Das Servicepersonal: Das gesetzliche Gehalt ist oft nur knapp über dem Mindestlohn. Trinkgeld ist der Puffer, der den Unterschied macht.

Die Rechnung, die der Herr postete (vier Gerichte, drei Getränke), ergab etwa 25 Euro pro Person. Viele Kommentatoren hielten das in der heutigen Zeit für ein günstiges Abendessen. Die Kritik verfehlte also ihr Ziel. Anstatt den Wirt für hohe Preise zu rügen, bestrafte der Gast die falschen Personen: die Servicekräfte.

Drei fatale Fehler, die bei der Trinkgeld-Verweigerung passierten

Im Prinzip ist Trinkgeld in Österreich (wie in Deutschland) rechtlich freiwillig. Aber die Gastro-Etikette ist hier klar. Viele übersehen die subtilen Auswirkungen, wenn sie bewusst bei einem guten Service knausern.

1. Der Service hat keinen Einfluss auf die Preisgestaltung

Wenn ich in meinem Job etwas beobachte, dann ist es die Trennung von Warenwert und Dienstleistungswert. Der Kellner oder die Kellnerin hat nichts mit der Einkaufsstraße des Wirts für Fleisch oder Gemüse zu tun. Du beschwerst dich über die teure Eintrittskarte ins Kino, aber schimpfst mit der Person, die dir das Popcorn reicht. Das ist unlogisch und emotional ungerecht.

2. Man verwechselt Preis mit Wertschätzung

Viele verteidigten den Gast mit der Argumentation: „Wenn die Chefs nicht genug zahlen, ist das nicht mein Problem.“ Das stimmt! Aber das Trinkgeld ist nicht nur Gehaltszuschuss, es ist direktes Feedback. Es ist ein „Danke“ für das Auffüllen des Wassers, die freundliche Empfehlung oder das schnelle Abräumen. Es ist das, was den Unterschied zwischen einem automatisierten Service und einem menschlichen Service im Wiener Kaffeehaus oder Beisl ausmacht. Wer das streicht, streicht die Wertschätzung.

3. Die Doppelmoral – Essen wie ein Fürst, zahlen wie ein Bettelmann

Wie ein Kommentator sarkastisch schrieb: „Wenn du für den Service nicht mal zwei bis drei Euro extra über hast, dann spare doch bitte noch mehr und bleib zu Hause.“ Wenn man sich ein Abendessen für über 100 Euro leisten kann, erscheinen 5 Euro Trinkgeld nicht als existenzielle Bedrohung, sondern als moralische Pflicht. Das Auslassen des Obolus wirkt daher weniger wie ein Protest und mehr wie demonstrativer Geiz.

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Der Insider-Tipp: So geben Sie Trinkgeld, ohne sich abgezockt zu fühlen

Ich verstehe die Verärgerung über steigende Preise – besonders wenn man in Ballungszentren wie Wien lebt. Aber es gibt einen eleganten Weg, guten Service zu belohnen, ohne das Gefühl zu haben, man wird ausgenommen. Hier kommt der Praxistipp des Deutschen Knigge-Rats, der sich auch in Österreich bewährt hat:

Wenn die Rechnung hoch ist (über 80 Euro), reichen 5 Prozent. Wenn die Rechnung gering ist (unter 20 Euro), runden Sie auf, sodass es 10 Prozent entspricht. Beispiel:

  • Rechnung 12 Euro: Aufrunden auf 14 Euro (ca. 16% – angemessen).

  • Rechnung 100 Euro: Aufrunden auf 105 Euro (5% – vollkommen in Ordnung).

Der wichtigste Schritt: Zahlen Sie direkt beim Kellner und sagen Sie den Betrag beim Bezahlen. Vermeiden Sie es, Geld auf dem Tisch liegen zu lassen. Ein einfaches „5 Euro passen so“ beim Bezahlen mit Karte oder Bargeld, ist das klare Signal der Wertschätzung. Denn am Ende gilt: Guter Service ist anstrengend. Und Trinkgeld ist dafür die simpelste Anerkennung.

Was denken Sie? Sollte Trinkgeld in Österreich bei solch hohen Preisen weiterhin freiwillig bleiben, oder ist es eine unumstößliche Pflicht gegenüber den hart arbeitenden Servicekräften?

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